Berner Zeitung, 14. März 2005
Irren und Wirren um die Liebe

Der Langnauer Theater- und Kunstverein macht aus der «Kupferschmiede» einen Märchenwald, in dem Menschen und Elfen Liebe suchen: Die Inszenierung von Shakespeares «Sommernachtstraum» überzeugt.

Ursina Stoll-Flury

Mit grossem Enthusiasmus und erstaunlichem Können führen Spielerinnen und Spieler des Theater- und Kunstvereins Langnau nichts weniger als den «Sommernachtstraum» von William Shakespeare in der «Kupferschmiede» auf. «Ihr seid verrückt, an ein solches Werk überhaupt zu denken», hörten Produktionsleiterin Vreni Stalder und Regisseur Patrick Martignoni von verschiedenen Seiten zu ihrem Vorhaben. Doch der enorme Einsatz aller Beteiligten vor und hinter den Kulissen hat sich gelohnt; das bekannte Werk zeigt erfrischende Facetten in einer ungewohnten Inszenierung.

Gaukler und Boten

Schräg ist die hölzerne Bühne, die mitten im Raum bis zu den vordersten Zuschauersitzen reicht. Schräg sind die Auftritte der in unterschiedlicher Konstellation verstrickten Liebespaare, die teilweise im heutigen Look mit Turnschuhen oder High-Heels sich und der einzig wahren Liebe nachjagen. Noch schräger zeigt sich die Elfenwelt mit skurrilem Outfit und wilder Haarpracht sowie Elfenkönig Oberon und seine Königin Titania als Bewohner eines anderen Sterns. Spiel im Spiel und spürbaren Spass an ihrer Komödie bietet die Gauklertruppe der Handwerker, allen voran der bravouröse Zettel (Peter Javet) mit fulminanten Auftritten. Kobold Puk ist der Bote zwischen Elfenwelt und Realität und ist von Oberon mit garantiert wirkenden Zaubersäften ausgerüstet. Hanspeter Buholzer gibt Puk umwerfende Mimik und Gestik; in Fellhosen und Uniformjacke gekleidet und mit bedächtigen Bewegungen ist er ein Liebesvermittler der herausragenden Art.

Die wahre Liebe

Die Paare Hermia mit Lysander (Miriam Minder und Stefan Gautschi), Helena mit Demetrius (Gabriela Hofer und Gerhard Kunz), Theseus mit Hippolyta (Peter Kläntschi und Ursula Flückiger) sowie Oberon mit Titania (Tony Feller und Dorothea Trauffer) erleben viele Irrungen und Wirrungen in dieser verzauberten Sommernacht. Doch zum Schluss siegt auch bei Shakespeare die wahre Liebe. Der schönen Sprache Shakespeares wurde als Kontrapunkt einheimischer Dialekt der Gauklertruppe zugesellt, was der Aufführung zusätzliche Farbe verleiht.

Nach dem gelungenen «Sommernachtstraum» wurden die Premierengäste vor der Türe wieder von der rauen Wirklichkeit mit dichten Schneeflocken eingeholt. Ob wohl der Frühling bis zum Ende der Aufführungen bei uns Einzug hält?




Wochen-Zeitung, 17. März 2005
«Euch zu ergötzen sind wir hier»
Der Theater- und Kunstverein ­ Langnau lädt ein zum Träumen:
Wüstes, Skurriles und Amüsantes – wie Träume so sind.


Gertrud Lehmann

Seit 75 Jahren bringt der Theater- und Kunstverein Langnau Kultur ins Dorf. Mit jährlich vier bis fünf Anlässen aus den Bereichen Kleinkunst- und Musikszene, Lesungen, einer Bil-derausstellung und alle zwei Jahre mit einem vereinseigenen Theater. Dieses Jahr durfte es kein geringerer als Shakespeare sein, der in der Kupferschmiede aufgeführt wird. Und zwar mit dem Sommernachtstraum, einem närrischen Verwirrstück rund um die Liebe.

Zwischen heute und irgendwann
Mit Überraschungen war demnach zu rechnen, und die trafen einen, noch bevor man seinen Sitzplatz erreicht hatte. Vor der Bühne hatte sich eine Müllhalde mitten in die Zuschauer geschoben, vom obligaten roten Samtvorhang war weit im Hintergrund etwas zu erahnen. Weit und breit kein lauschiger Zauberwald, und die lieblichen Elfen, die nun ihren Reigen tanzen sollten, entpuppten sich als verlumptes Gesindel. Die ehrenwerte Gesellschaft aus Athen, die sodann mit ihrem Streit die Szene eroberte, hätte direkt von Langnau herein spaziert sein können: Trainerjacke und Stöckelschuhe entsprachen der neusten Mode. Die Ursache hingegen war eindeutig antiquiert – wem käme heute noch in den Sinn, von seinen Kindern Gehorsam zu verlangen, und das erst noch in Liebesdingen!

Spuk im Zauberwald
Das junge Paar beschloss also die Flucht, als Treffpunkt diente der Zauberwald. Das konnte nicht gut heraus kommen. Dort probten nämlich schon die Handwerkergesellen für ein Theaterstück, das sie dem Herzog zur Hochzeit aufführen wollten: «Euch zu ergötzen sind wir hier...». Sie ähnelten einem fröhlichen Männerchor, der mit grossem Gaudi um die Rollen streitet, und zwar auf Berndeutsch. Doch da waren nächtens noch andere unterwegs: Oberon der Elfenkönig, ein übler Macho wie man hörte, sowie Gemahlin Titania mit Gefolge. Auch diese beiden waren am Zanken, und weil man über Zauberkünste verfügte, hatte das üble Folgen. Die Königin verliebte sich nämlich in den zum Esel mutierten Weber und Hobbyhelden Zettel, während Lysander, der junge Liebhaber auf der Flucht, plötzlich merkte, dass ausser der angebetenen Hermia andere Mütter auch noch schöne Töchter haben.
«Liebe hat nichts mit Vernunft zu tun» stellt die vernarrte Titania fest. Wie recht sie hat! Wie könnte sonst die schöne Helena gar so verzweifelt dem sie schmähenden Geliebten nachjagen. Dazu noch in Stöckelschuhen, wie mühsam. Der hinterlistige Waldgeist Puck, in Uniformjacke und Fellhose, schaut schadenfreudig den Verwirrten zu, bis es König Oberon zu viel wird. Nun lösen sich, da der Tagesanbruch mit seiner Entzauberung naht, die Knoten. Schlussendlich führt ein jeder den ihm zugedachten Partner heim.

Jeder nach seiner Begabung
Unter der Regie des Berners Patrick Martignoni, einem Profi mit Erfahrungen als Assistent am Stadttheater, erbringen die Laienschauspieler eine bewundernswerte Leistung. Für die Produktionsleitung zeichnet Vreni Stalder verantwortlich. Der Theater- und Kulturverein sei wie eine grosse Familie, sagt sie, in der jeder gemäss seiner Begabung etwas beitragen könne.